Der blonde Engel Teil 1: Nazi Eltern, die den Planeten zerstören

Blonde Angel
Photo by Alexander Krivitskiy on Unsplash

Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.

Talmud

Hallo Eltern,

an deinem 60. Geburtstag, Mama habe ich den ganzen Tag gekotzt. Schon die Woche davor hatte ich mich häufiger übergeben, weil du mir deine „ich mache mir Sorgen“ Nachricht geschickt hast und ich mir dafür Vorwürfe gemacht habe. Deshalb auch jetzt dieser Brief. Ihr sollt wissen wie es mir geht. Ich möchte euch die Wahrheit sagen. Schon in Nürnberg hatte ich damit angefangen doch ihr wolltet die Wahrheit nicht mehr hören. 

Zu sagen mir ginge es gut, wäre gelogen. Ich bin krank. Schon länger. So wie ihr. Jeder von uns hat seine Süchte und dunkle Gedanken. Da ich in den letzten Wochen und Monaten viel über meine Schatten gelernt habe und ich sie mittlerweile ausspreche und sogar auf Papier bringe, möchte ich das mit euch teilen. Ein Teil meiner Erkenntnisse darüber warum ich so geworden bin und welche Rolle ihr dabei für mich gespielt habt oder heute noch spielt. Seht das nicht als Schuldzuweisung, sondern als Impuls darüber nachzudenken und etwas in eurem Leben zu ändern, weil ihr euch weiterentwickeln wollt. 

Mein grundlegendes Problem ist, dass ich mich nie akzeptiert habe, weil ich nie meinen Standards entsprochen habe, weil ich diese zu hoch angesetzt hatte. Ich war mir nie genug und das hat mich fertig gemacht. Ich denke zurzeit viel darüber nach, wie es zu diesem negativem Denken und Handeln kommen konnte oder warum ich mit mir so streng war und mich immer so klein und schlecht rede. Ich war immer bestrebt eine perfekte Tochter zu sein, ihr solltet stolz auf mich sein, ich wollte eure Liebe und Anerkennung. Heute erkenne ich, dass wir alle in einem erpresserischen Erziehungssystem aufwachsen. Sei so und so, dann haben wir dich lieb oder du bekommst eine Belohnung (z. B. Süßigkeiten). Uns wird schon zu früh von allen Seiten gezeigt, wie man zu sein hat, damit man in der Gesellschaft akzeptiert wird. War ja bei euch auch nicht anders.  Dadurch wurde der Abstand von „soll“ zu „ist“ immer größer und damit auch meine Frustration und Ablehnung mir selbst gegenüber. Heute weiß ich, es ist nicht normal als Teenie eine Bulimie zu entwickeln. Heute weiß ich, dass nicht alles in meiner Kindheit schön war. Ich will meine Essstörung und Magersucht in den Griff bekommen. Ich will stark genug sein, um keine Drogen mehr zu nehmen oder daran zu denken, nicht mehr sein zu wollen. 

Heute weiß ich, dass es mich auffrisst, wenn ich nichts sage. Also möchte ich ein paar Dinge loswerden. Ich bekomm hier keine sinnvolle Ordnung hin, weil in meinem Kopf auch keine herrscht. Ich schreibe schon viel zu lange herum, weil ich mich nur davor drücken will euch zu verletzen. Aber indem ich es euch nicht sage, verletze ich euch noch mehr. 

Papa, es hat mich jedes Mal verletzt, wenn du gemeine Kommentare zu meinem Gewicht gemacht hast. Das hast du schon früh angefangen, das weißt du selbst. Ich dachte, wenn ich dick bin liebst du mich nicht. Mama war ja auch immer so dünn. Immer dünner als ich. Ich kam mir neben ihr oft wie eine Tonne vor. Ich habe gelernt, dass du stolz bist, wenn ich deinen Erwartungen bei Figur oder Job entsprochen habe. Ich wollte immer so sein wie du, einen erfolgreichen Job im Büro – so wie der Papa, das hab ich ja immer gesagt…deshalb wollte ich auch nie aufs Gymnasium, weil fürs Büro muss man ja nicht studieren und ich wollte so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Obwohl ich die Noten hatte und Frau Wolf euch gesagt hat, dass ich fürs Gymnasium geeignet wäre, hört ihr auf eine 10 jährige? Ein Kind bleibt ein Kind und die Eltern entscheiden. Habt ihr mir nicht mehr zugetraut? Wolltet ihr mich vor einer möglichen Niederlage so wie bei Michi schützen? 

Auf den Zigaretten steht manchmal “die Kinder von Rauchern, werden selbst zu Rauchern”. Mama, du hast während der Schwangerschaft geraucht, ihr habt unsere ganze Kindheit über geraucht, Papa du hast schon immer regelmäßig viel Alkohol getrunken. Du bist Alkoholiker! Das haben wir schon vor über 10 Jahren besprochen und seitdem hat sich nicht viel geändert, nur das du noch kränker geworden bist und du trotzdem genauso weiter machst. Was du zu viel in dich rein gestopft hast, hat Mama zu wenig abgekommen. Meistens während die Mama noch in der Küche stand, warst du schon am Tisch und hast reingeschlichtet. Das ist respektlos. Und es ist noch respektloser es trotzdem zu machen, nachdem wir alle, auch Mama, was gesagt haben. Solche Gewohnheiten und Umgangsformen innerhalb der Familie kopieren Kinder und deren Weltanschauungen wird entsprechend geprägt. Ich will nicht sagen, dass diese Gewohnheit eine sexistische Rollenverteilung übermittelt hat, aber sie hat dazu beigetragen. So wie viele kleine andere Dinge. So wie deine konservative politische Einstellung. Du hattest das letzte Wort bei Entscheidungen wie DEIN verdientes Geld ausgegeben werden würde – für Mama gabs nur ein „Taschengeld“… das ist keine Ebenbürtigkeit. 

Die Mama hat immer gesagt, dass du nie „gelernt“ hättest , jemanden zu umarmen, um deine Liebe zu zeigen, also hast du es nicht gemacht bzw. mit uns stattdessen geketscht. Was nicht immer so lustig war, es war ja eine Form der Zuwendung. Wir haben nie über Gefühle gesprochen, weil du es nie gelernt hast – ich auch nicht. Du hättest es besser als deine Eltern machen können. Aber dein Fokus war auf deinen Job – die finanzielle Absicherung der Familie gerichtet und dann auf Autos, Wohnwägen und in den Urlaub fahren. Ja sicher, wir haben alle davon profitiert, dass du uns überhaupt all das ermöglicht hast. Ich frage mich, ob es das Wert war diesen Zielen im Leben hinterher zu jagen. 

Mit 12 oder 13 Jahren hast du, Mama mich einmal erwischt, wie ich mich nach dem Essen übergeben habe, was ich zu dieser Zeit häufiger tat. Ich erinnere mich daran, dass du mich geschimpft hast, weil ich die teuren Lebensmittel verschwenden würde. Es hat mich verletzt, dass die Lebensmittel überhaupt ein Argument waren und sie anscheinend wertvoller als ich waren. Warum hast du nicht versucht zu erfahren, warum ich unzufrieden mit mir bin. Oder das ich dich, als falsches Vorbild haben könnte. Eine Therapie wäre damals wohl schon sinnvoll gewesen – für uns beide! Aber wir haben dann irgendwie auch nicht mehr drüber geredet. Die Ablehnung und das Gefühl, dass ich fett war blieben. Dann Zigaretten, Alkohol, später noch härtere Drogen… das alles wurde mir nie aufgedrängt, im Gegenteil: ich war die treibende Kraft. Ich bin eine ziemlich gute Schauspielerin bzw. war mein Kostüm “der blonde Engel” schon sehr praktisch. Bloß dieses Kostüm nützt einem nichts, wenn man alleine zu Hause sitzt und sich selbst nicht leiden kann.

Mama, ich fand die Vorstellung furchtbar, dass du wegen mir fast gestorben wärst. „Du hast mich bei deiner Geburt vergiftet und ich konnte dich ein paar Tage nach der Geburt nicht so lieben“ Bei mir kam an, dass es meine Schuld war, dass es dir so schlecht ging und dafür gibt’s keine Liebe. Dabei konnte ich nichts dafür. Ich kann verstehen, dass es einem schwer fällt Liebe zu einem Kind entwickeln, dass einen fast umgebracht hätte, aber kannst du verstehen, was es in einem Kind auslöst, so etwas von seiner Mutter gesagt zu bekommen? Das Thema „Schuld“ ist bei mir ganz groß. Doch was ist wenn ich jetzt sage, ich war nicht schuld daran, dass du fast gestorben bist. Vielleicht warst du Schuld daran, weil du uns beide vorher schon mit Nikotin und anderem Dreck vergiftet hast. 

Ich stelle ganz viele Parallelen zu uns beiden fest. Mama, es bringt nichts Depressionen mit Antidepressiva zu bekämpfen! Das sind irgendwelche Drogen, die dich vielleicht motivieren, aber die Ursache – die negative Denkweise wird nicht geheilt. Du bist depressiv, weil dein Leben dich langweilt, weil der Papa dich langweilt. Der Therapeut damals auf deiner Reha hatte Recht, du hättest dich trennen sollen, um aufzublühen. Vor über 13 Jahren hab ich dir schon gesagt, dass wir Kinder alt genug sind und du keine Rücksicht auf uns nehmen brauchst. Aber du hattest es dir nicht zugetraut, weil du finanziell abhängig bist und deshalb dein Leben so hinnimmst. Du gibst dich damit zufrieden, frisst das aber in dich rein und verkrampfst (physisch und psychisch), knirschst nachts mit den Zähnen, isst nichts, hast Migräne und Krebs. Du stehst in deinem Leben nicht an erster Stelle! Du opferst dich für andere und merkst nicht, dass du dich dadurch kaputt machst und dann zur Belastung für andere wirst. 

Ihr habt eure Sexualität und damit eure Verbundenheit schon vor langer Zeit aufgegeben. Ich weiß nicht, ob ihr es euch anderweitig gesucht habt, oder damit trauriger weise abgefunden habt. Ich weiß, dass Lust ein wichtiger Teil unseres Lebens ist und wenn uns was fehlen kompensieren wir. Wir wollen Freue erleben. Da kommen unsere Süchte wieder ins Spiel…

Ihr seid soweit gegangen, mir Lebewohl zu wünschen. Ich will nicht Lebewohl sagen, aber eure Nachrichten triggern bei mir noch verletzte Punkte und wühlen mich emotional zu sehr auf. Ich habe mich entschieden mit Ronny zu gehen und es war absolut die richtige Entscheidung. Ich bin unglaublich dankbar, dass wir trotz Gegenwind zusammenhalten, gemeinsam lernen und wachsen. Ich kann euch nicht verzeihen wie ihr über ihn gesprochen habt. Ich verdanke ihm mein Leben und mein Wille zu leben und mich zu verändern. Ich habe nun eine Therapie begonnen und ich wünsche mir Zeit mir darüber klar zu werden, was ich eigentlich will. Nicht, was ich glaube, das meine Eltern glücklich machen würde. Bitte respektiert das. 

Papa, es wäre schön, wenn du mir die Versicherung zeitnah übertragen könntest. Dann kommen zukünftig hoffentlich keine Briefe mehr zu euch. 

Ich empfehle euch sämtliche Werke von Robert Betz oder auch einfach bei Youtube. Veit Lindau hat mich auch sehr inspiriert. Bittet redet miteinander oder mit Therapeuten. Entwickelt euch weiter, hört auf euch zu vergiften. Werdet klar. Das wünsche ich euch

Eure Tochter

Ein Held ist jemand der sein Leben einer Sache widmet, die größer ist als er selbst.

Joseph Campbell

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